Zur Geschichte

Das „Haus St. Yves“ befindet sich auf dem Gelände eines sehr alten Priorates, das eine bald tausendjährige Geschichte hat:
Ende des 11. Jahrhunderts wurde durch den Domherrn Audelard, „Dekan der hl. Maria“ (d.h. der Kathedrale Notre Dame) eine Kapelle gegründet und dem hl. Stephanus geweiht. Sie wurde „St. Stephan am Kreuzgang“ genannt, am Kreuzgang eben der Kathedrale. Ihr angeschlossen waren Unterkünfte für mehrere Geistliche.

Wenig später schenkte Bischof Yves von Chartres dieses Anwesen der Abtei St. Jean en Vallée (St. Johannes im Tal) als Filiale. So konnten die dortigen Mönche Pilgern und Reisenden eine Herberge anbieten. Die Abtei St. Johann war eine Abtei von Regularkanonikern. Sie befand sich außerhalb der Stadtbefestigung, im Nordwesten, am „Clos Saint Jean“ (St. Johannes-Hof), heute ist dort der Parc André-Gagnon, ein schöner Park, zu dem man durch die Rue Beauvais gelangt, der so genannten „Straße der Schönen Aussicht“ auf das Couasnon-Tal, durch das die Eisenbahnlinie nach Paris verläuft.

St. Jean en Vallée war schon zurzeit (Bischofs?) Fulberts kurz vor 1028 gegründet worden, und zwar durch den Dompropst der Kathedrale als „Kapitel“. Ein Kapitel besteht aus Klerikern, die gemeinschaftlich für die Gottesdienste einer bedeutenden Kirche zuständig sind. Bischof Yves machte 1099 daraus eine Abtei von Regularkanonikern: Diözesankleriker, die gemeinschaftlich nach einer Ordensregel lebten, der Augustinerregel. Als Bischof war der hl. Yves sehr bemüht um die Entwicklung des Gemeinschaftslebens seines Klerus, und er war der Abtei St. Jean, in der er auch begraben werden wollte, sehr zugetan.

Schon in einem schlechten Zustand wurde St. Jean en Vallée in den Religionskriegen 1568 und 1591 niedergebrannt und zerstört; die Kanoniker von St. Jean nahmen daher im Priorat St. Stephanus, Zuflucht, das ihnen als Filiale schon lange gehörte.
Doch die St. Stephanus-Kirche war „äußerst klein“ und „drohte wegen Baufälligkeit einzustürzen“. In der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde sie wieder aufgebaut und am 23. August 1697 durch Bischof Godet des Marais neu konsekriert. Aus dieser Zeit stammt noch der Chorraum der Krypta, der 1970 wieder freigelegt wurde. Über der Krypta erhob sich der Hochchor, der vom Kirchenschiff über eine lange Treppe betreten werden konnte. Von der Rue des Acacias (Akazienstraße) kann man den unteren Teil der Fassade noch heute gut erkennen.

Wie damals befindet sich auch heute wieder eine St. Stephanus-Kapelle an diesem geschichtsträchtigen Ort. Sie wurde kürzlich auf Initiative des Bischofs von Chartres, Bernard Nicolas Aubertin und unter Mitwirkung des Hauses Chéret, Paris, vorbildlich für die Liturgie eingerichtet.

Das heutige Gästehaus befindet sich in einem schönen Anwesen aus dem 17. Jahrhundert, dessen Arkaden im Erdgeschoss besonders bewundernswert sind. Seit 1807 wurde das Haus durch den Konvent der Schwestern von der Göttlichen Vorsehung genutzt, dann im 20. Jahrhundert als Priesterseminar, Ausbildungsstätte künftiger Diözesanpriester von Chartres. Mittlerweile sind alle Seminare der Kirchenprovinz nach Orleans zusammengelegt. Nur die Bibliothek des Priesterseminars ist hier verblieben. Der alte, wertvolle Buchbestand wird fortlaufend ergänzt durch Neuerscheinungen besonders aus dem religionswissenschaftichen Bereich (Bibel, Theologie, Kirchengeschichte, Spiritualität und Mittelalterliche Kunst). Die Bibliothek steht allen Lesern und Forschern offen. Im Seitenflügel des Hauses befindet sich außerdem das Diözesanarchiv.

Das bald tausendjährige Priorat heißt heute „Haus St. Yves“, denn es will an den großen Bischof von Chartres (1090 – 1115) gleichen Namens erinnern. Diese Namensgebung ruft unmittelbar die große Ausstrahlung in Erinnerung, welche von der mittelalterlichen Kathedrale ausging, der Marienwallfahrt sowie dem damaligen intellektuell-wissenschaftlichen Zentrum, seinerzeit „die Schule von Chartres“ genannt.

Wie im Mittelalter empfängt auch heute das Haus im Schatten der Kathedrale wieder Pilger, Besucher und Durchreisende. Sie alle seien herzlich willkommen!

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